Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Reinhardt
Der gemeinnützige Verein Power-Child e.V. verfolgt seit 2002 das Ziel, Kinder und Jugendliche in möglichst vielen Lebenslagen vor sexueller Gewalt zu schützen. Wichtige Säulen der Präventionsarbeit sind dabei u. a. zwei Theater-Präventionsprojekte, mit denen der Verein seit Jahren durch ganz Deutschland tourt. Unter dem Motto „Sag JA zu Dir und NEIN im richtigen Moment“ finden an Kindergärten und Grundschulen Projekttage statt, an denen Lehrer und Erzieher umfassend fortgebildet sowie Eltern informiert und zur Diskussion eingeladen werden. Im Mittelpunkt stehen jedoch die Kinder, die durch die Theaterstücke auf spielerische Weise an Themen wie „Abgrenzung“ und „körperliche Unversehrtheit“ herangeführt werden können.
Allein im Jahr 2008 konnten auf diesem Weg über 15.500 Kinder und deren Bezugspersonen durch die beiden Theater-Präventionsprojekte erreicht werden.
Die Theater-Präventionsprojekte sind mittlerweile auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Neben sehr viel Lob, kommen jedoch auch immer wieder Fragen zur Entwicklung der Theaterstücke, pädagogischen Inhalten, kindgerechter Information und Aufklärung auf.
Professor Dr. med. Dr. h.c. Dietrich Reinhardt, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Leiter der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, ehemaliger Dekan der Medizinischen Fakultät und Vorstand bei Power-Child e.V. beantwortet dazu die am häufigst gestellten Fragen.
Warum engagieren Sie sich gerade für Power-Child e.V.?
"Als Leiter einer großen Kinderklinik sehe ich fast täglich misshandelte Kinder. Bei einem kleinen Teil davon handelt es sich um sexuell misshandelte Kinder, die auch als Jugendliche oder später als Erwachsene häufig lebenslang traumatisiert bleiben. Sexuelle Übergriffe an Kindern bleiben häufig jahrelang unentdeckt, weil sie „totgeschwiegen“ oder verdrängt werden. Da ich als Mediziner weiß, dass Prävention die beste Therapie ist, möchte ich mich dafür einsetzen, dass so viele Menschen wie möglich Informationen zu diesem Tabu-Thema erhalten und dass sie lernen, die oft versteckten Hilferufe missbrauchter Kinder zu erkennen. Der einzige Schutz vor Missbrauch ist eine zeitgerechte und umfassende Aufklärung der Kinder und Jugendlichen. Und gerade hier setzen die von Power-Child e.V. eingesetzten Theaterprojekte an."
Was ist das Besondere an dieser Art der Prävention?
"Antwort: Die Kinder erleben die Theaterstücke als gemeinsamen Bezugspunkt. Statt isolierte Erfahrungen mit einem schwierigen Thema zu machen, lachen, klatschen und fiebern sie mit den Geschehnissen und den Akteuren auf der Bühne mit. Die Protagonisten erleben stellvertretend für Kinder Grenzsituationen, so daß die Kinder sich zwar mit Ihnen identifizieren können, aber alles aus einer sicheren Distanz heraus. Auf der Bühne zeigen die Darsteller wie körperliche Grenzverletzungen aussehen können, wie sie sich anfühlen und wie schützenswert der eigene Körper ist. Das Wichtigste ist jedoch, dass das Geschehen auf der Bühne als Anknüpfungspunkt für das gemeinsame Gespräch dient."
Welches Konzept steht hinter den Theaterprojekten?
"Power-Child e.V. legt großen Wert darauf, dass die Kinder mit dem Geschehen
auf der Bühne nicht alleine gelassen werden und bezieht daher Eltern, Lehrkräfte und ErzieherInnen intensiv mit in das Projekt ein; denn nur unter Einbindung ihrer Bezugspersonen können Kinder bestmöglich aufgeklärt, gefördert und geschützt werden. Die Nachhaltigkeit der zentralen Botschaft der Projekte „Sag Ja zu Dir und Nein im richtigen Moment“ wird durch die Lehrkräfte und ErzieherInnen in den Einrichtungen sicher gestellt, die in einer Fortbildung hierzu geschult werden und entsprechendes pädagogisches Arbeitsmaterial an die Hand bekommen. Auch nach dem Projekt stehen Fachberaterinnen des Power-Child Teams als kompetente Ansprechpartnerinnen zur Verfügung."
Entstehen bei den Kindern keine Ängste, wenn sie mit diesem Thema konfrontiert werden?
"Die Theaterprojekte setzen, ohne Ängste zu schüren, bei den Fähigkeiten der Kinder an, stärken sie in ihrer Selbstwahrnehmung und vermitteln Spaß an der Selbstbehauptung und am „Nein“ im richtigen Moment."
Was kann passieren, wenn ein Kind im Publikum ist, das bereits sexuellen Übergriffen ausgesetzt war?
"Für von sexueller Gewalt betroffene Kinder erhöht sich durch unsere Theater- Präventionsprojekte die Chance, dass das Erlebte aufgedeckt wird und sie Hilfe erhalten. Durch den ganzheitlichen Ansatz der Theater-Präventionsprojekte werden Eltern sowie auch ErzieherInnen und Lehrkräfte sensibilisiert und können Signale eher wahrnehmen. Zudem werden Handlungsmöglichkeiten angesprochen. Den Einrichtungen sowie den Eltern stehen dabei das Power- Child Beratungsteam sowie örtliche Beratungsstellen zur Seite. Ein Flashback, worunter man das Wiedererleben früherer Gefühlszustände versteht, ist theoretisch sicherlich in Einzelfällen möglich. Die Theaterstückesind aber gerade eben so aufgebaut, dass dies möglichst verhindert werden soll. Darüber hinaus ist der „Erfolg“ der Theaterstücke durch Vielfachaufführungen sowohl bei Eltern als auch bei Erziehern hinreichend „evaluiert“ worden. Wenn ein Kind ein Flashback bekommen sollte, dann würde das bedeuten, dass es womöglich einen sexuellen Missbrauch erlebt und diesen nicht verarbeitet hat, evtl. würde es dann auch durch das Theaterstück Symptome bekommen, aber genau dies wäre eine Chance, dass das Kind dann auch mit seinen Symptomen von jemandem wahrgenommen wird, sich das Kind dann jemandem anvertrauen und endlich fachspezifische Behandlung bekommen könnte! D.h., die Theaterstücke wirken in zwei Richtungen:
Primäre Prävention – Aufklärung zur Verhinderung von sexuellem Missbrauchserfahrungen etc., sekundäre Prävention – wenn schon etwas passiert ist, dann könnten Kinder ermutigt werden zu sprechen, auch über Flashbacks, sich anvertrauen, und dann endlich Therapie erhalten, sonst würde ja die traumatische Erfahrung chronifizieren, und das wäre das Schlechteste…
Welche Rückmeldungen hat Power-Child e.V. von den Kindergärten und Schulen, in denen ihre Stücke bereits aufgeführt worden sind?
"Die Fachkräfte und Eltern vor Ort zeigen sich immer sehr dankbar, dass dieses
schwierige Thema auf unkomplizierte, positive und unterstützende Art angesprochen wird und ihnen Handlungskompetenzen an die Hand gegeben werden. Zum Beispiel: „Das Theaterstück bewegte uns alle sehr – am nächsten Tag sind sich Schüler und Lehrer ein gutes Stück näher gekommen – soviel Offenheit gab es noch nie an unserer Schule – und zwar von beiden Seiten.“ Oder: „Für die Kinder war es ein AHA- Erlebnis. Normalerweise geht es im Theater um Märchen oder um Geschichten mit Erwachsenen. Aber hier realisieren sie: Es geht ja um uns!“ Oder: „Das heikle Thema wurde auf eine verständliche, empfindsame, heitere und eingängige Art vermittelt.“
Was kann man als Elternteil tun um sein Kind gegen sexuelle Übergriffe zu schützen?
"Ihr offenes Ohr für die Ängste und Sorgen der Kinder schafft die notwendige Vertrauensbasis, damit diese sich mit ihren Fragen und Problemen an sie wenden. Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung ihrer Kinder ist es, dass sie in der eigenen Meinung, ihrem Willen und ihrer körperlichen Selbstbestimmung gestärkt werden. So können die Kinder Grenzverletzungen identifizieren und sich situationsgerecht und altersgemäß zur Wehr setzen. Eine große Hilfe ist es, zusammen mit den Kindern in Rollenspielen Situationen nachzustellen, in denen sie im Alltag das Abgrenzen aber auch das Hilfeholen üben können."
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